Für die Denkbewegung
Der Prix Européen de l’Essai bringt Leserinnen und Lesern hochwertige Essays aus allen Disziplinen nahe. Er bezweckt, die Aufmerksamkeit auf Autorinnen und Autoren zu lenken, deren Werke ein Zeugnischarakter haben können und die eine fruchtbare Kritik an den heutigen Gesellschaften, ihren Praktiken und Ideologien bieten. Der Preis wird seit 1975 verliehen und ist der erste Literaturpreis, der ausschließlich der Gattung des Essays gewidmet ist.
Chowra Makaremi erhält den Prix Européen de l’Essai 2026
© Charlotte Krebs
Der Essay
Von Baltimore bis Teheran, von Buenos Aires bis Delhi, warum bringen bestimmte Todesfälle die Menschen auf die Strasse? Wie werden Emotionen und Beziehungen zu Formen des Widerstands?
Dieser Essay beleuchtet die aktuellen Aufstände ausgehend von ihren sinnlichen Stoffen und entfaltet ihr feministisches Erbe. Daraus ergibt sich die Frage nach dem affektiven Widerstand, die untersucht, welchen Einfluss unsere Verletzlichkeit, unsere Wut und unsere Bindungen auf die Politik haben. Er betrachtet Affekte nicht als Gegensatz zur Vernunft, sondern als lebendiges Gedächtnis, als Stütze und Mittel zur Gegenwehr gegenüber einer Politik der Grausamkeit.
Die Autorin
Die Forschungswissenschaftlerin und Essayistin Chowra Makaremi ist Anthropologin am Centre national de la recherche scientifique. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit staatlicher Gewalt, politischen Emotionen und zeitgenössischen feministischen Bewegungen.
Sie ist Autorin von Le cahier d’Aziz. Au cœur de la révolution iranienne 1979-1988 (»Aziz’ Heft. Im Herzen der iranischen Revolution 1979–1988«, Paris: Gallimard, 2011) und von Femme! Vie! Liberté! Échos d’un soulèvement révolutionnaire en Iran (»Frau! Leben! Freiheit! Der Widerhall eines revolutionären Aufstands im Iran«, Paris: La Découverte, 2023), das mit dem Prix de l’essai France Culture-Arte 2023 ausgezeichnet wurde.
Die Jury
Indem Chowra Makaremi den Kaskadeneffekt der erlittenen Gewalt aufzeigt, die sich in Sprache und schliesslich in Handeln verwandelt, rückt sie Emotionen als Hebel für politisches Handeln in den Vordergrund. Sie verknüpft die Herausforderungen auf gesellschaftlicher, politischer und persönlicher Ebene miteinander. Damit verleiht sie unzähligen Frauen – Opfern, Widerstandskämpferinnen, Kämpferinnen – eine Stimme und vermittelt auf rhizomatische Weise die Handlungskraft der Trauer. Die Jury möchte das persönliche und wissenschaftliche Engagement von Chowra Makaremi würdigen und diesen bemerkenswerten Essay, der eine Analyse bietet und Hoffnung weckt, auszeichnen.
Aufmerksamkeit ist nicht nur ein kognitiver Mechanismus oder eine individuelle Ressource, die es zu verwalten gilt. Sie ist auch eine Form der Verbundenheit, eine Art der Präsenz in der Welt und gegenüber anderen, bei der sich ganz besonders die Frage nach der Verletzlichkeit stellt. […]
Um politisch zu existieren, reicht es nicht aus, sichtbar zu werden; man muss die Kontrolle über die Bedingungen der Sichtbarkeit zurückgewinnen können. Das erfordert vielleicht, die uns zugewiesene Rolle deuten, nutzen und hinterfragen zu können. Das erfordert eine Verankerung und ein Gedächtnis.«
Chowra Makaremi
Résistances affectives
Paris, La Découverte, 2025, S. 34–35
Chowra Makaremi
Résistances affectives
Paris, La Découverte, 2025, S. 34
1. September
18.30–21.00 Uhr
Opéra de Lausanne
—Anmeldung
Preisverleihung
Aperitif und Buchsignierungen
Laudatio von Gisèle Vienne Choreografin und Regisseurin.
Vortrag von Chowra Makaremi.
2. September
19.00–21.00 Uhr
Théâtre de Vidy-Lausanne
—Eintritt frei nach Anmeldung
Diskussionspodium
in Partnerschaft mit der Universität Lausanne
mit Éléonore Lépinard, assoziierte Professorin am Zentrum für Genderforschung der Fakultät für Sozial- und Politikwissenschaften, Universität Lausanne,
moderiert von Sylvie Makela, Vizepräsidentin von Mélanine Suisse, Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit und Programmgestaltung des Festivals Black Helvetia, Geschäftsführerin und Mitbegründerin von Tribus Urbaines SA
6. September
Le livre sur les quais
—Informationen in Kürze
Diskussion und Buchsignierungen
Festival Le Livre sur les quais, Morges
Gespräch zwischen Chowra Makaremi und Adèle Haenel.


